Stammheim, Klassenspiel der 12. Klasse

Klassenspiel, Klasse 12, 2011

Das diesjährige Klassenspiel „Stammheim“ der 12. Klasse der Lensahner Waldorfschule, nach dem gleichnamigen Film von Reinhard Hauff, für die Bühne bearbeitet von Stefan Weishaupt, der auch Regie führt, ist schwere Kost. Gleich in der ersten Szenen wird deutlich, dass dies kein gemütlicher Theaterabend wird: Die vier 1975 wegen vierfacher Tötung sowie dutzendfach versuchter Tötung angeklagten Terroristen Ulrike Meinhof (Anna Rauscher/Joelle Nowoczin), Gudrun Ensslin (Anna-Maria Berg/Mascha Neller), Jan-Carl-Raspe (Michel Herrnkind) und Andreas Baader (Klaas Dinse) pöbeln und toben aus der zweiten Sitzreihe gegen das Gericht, immer wieder haben die wachhabenden Polizisten im Verlauf der Vorstellung Mühe, die Gruppe oder sogar manchen Zeugen von tätlichen Angriffen gegen die Richter und Staatsanwälte abzuhalten. In anderen Situationen wieder folgen sie dem Geschehen eher apathisch, sichtlich geschwächt durch die Einsamkeit der Einzelhaft und ihren Hungerstreik, mit dunklen Brillen wegen der geschädigten Augen, gefangen, aber noch nicht wirklich gebrochen.

Das Theaterstück beruht auf den Protokollen der Gerichtsverhandlung und den Aufzeichnungen der Gefangenen. Es wirft einen vielschichtigen Blick auf den zweijährigen Prozess mit 192 Verhandlungstagen, der in der BRD bis heute Wogen aufwirft wie kaum ein anderer nach 1945. Spätestens als im Prozess Zeugen über die Attentate der RAF ungeschönt berichten, halten die Angeklagten dies teilweise kaum noch aus. Das vielleicht gerade aufkeimende Mitgefühl des Zuschauers zerplatzt hier zwangsläufig wie eine Seifenblase. Das immer noch aktuelle Stück liefert kein eindeutiges klares Bild, keine klaren Antworten, es wirft aber den Besuch der Vorstellung lohnende Fragen beim Zuschauer über die Macht des Staates, die innere Sicherheit und das Recht auf Mitbestimmung auf.